Photogrammetrie in der Implantatprothetik

Ob bei komplexen Implantatarbeiten Passive Fit erreicht wird, hängt auch von Datenerfassung und Messtechnologie ab. Während Intraoralscanner viele Implantatversorgungen präzise erfassen, stoßen sie bei Full-Arch-Arbeiten an Grenzen. Viele Praxen lösen das bisher mit konventionellen Abformtechniken. Die Photogrammetrie bietet hierfür eine präzise digitale Alternative.

Der Intraoralscanner rekonstruiert Oberflächen. Die Photogrammetrie berechnet Koordinaten im Raum. Beides wird gebraucht – aber für unterschiedliche Aufgaben.

Warum Stitching bei Full-Arch-Arbeiten zur Herausforderung wird

Ein Intraoralscanner arbeitet mit optischer Triangulation und Stitching: Das Handstück erfasst fortlaufend kleine Ausschnitte. Die Software setzt diese zu einem Gesamtbild zusammen. Im bezahnten Kiefer funktioniert das sehr gut. Markante Geometrien wie Höcker, Fissuren und Kanten geben dem Algorithmus zuverlässige Ankerpunkte.

Im zahnlosen Kiefer mit mehreren Implantaten ändert sich die Situation. Die Schleimhaut bietet dem Stitching-Algorithmus kaum geometrische Fixpunkte. Fehlen diese, kann der Algorithmus beim Zusammenfügen minimal abdriften – abhängig von Scannersystem, Scanbody-Design und Scanstrategie. Über die Distanz eines Kieferbogens kann sich das Risiko zu einem messbaren Verzugseffekt summieren: Die erfassten Implantatpositionen weichen von ihrer räumlichen Beziehung zueinander ab. 

Das Messprinzip der Photogrammetrie

Die Photogrammetrie basiert auf einem anderen physikalischen Messprinzip. Ziel ist nicht die Rekonstruktion von Oberflächen, sondern die Bestimmung der räumlichen Koordinaten von Implantaten. Dafür werden auf die Implantate speziell kodierte Messkörper — die Photogrammetrie-Scanbodys — geschraubt. Ihre Geometrie ist mathematisch definiert. Ein kalibriertes Kamerasystem erfasst die Messkörper aus mehreren Winkeln. Die Software führt alle Bildpunkte in einem gemeinsamen Optimierungsverfahren zusammen (Bundle Adjustment). 

Der Algorithmus berechnet Position und Achsenneigung jedes Implantats im selben mathematischen Bezugssystem. Die für Stitching-Verfahren typische Fehlerakkumulation wird dadurch vermieden.

Für Einzelimplantate, kurze Spannweiten und viele teilbezahnte Situationen liefern moderne Intraoralscanner klinisch sehr gute Ergebnisse. Besonders bei Full-Arch-Versorgungen steigen jedoch die Anforderungen an die räumliche Genauigkeit der Implantatpositionen.

Passive Fit: Was die Zahlen bedeuten

Der klinisch tolerierbare Grenzwert für einen passiven Sitz wird in der Literatur häufig mit bis zu 150 µm angegeben. Photogrammetrie-Systeme erreichen in aktuellen Studien lineare Abweichungen zwischen 10 µm und 49 µm und unterschreiten diesen kritischen Grenzwert damit deutlich und konsistent. Die praktischen Konsequenzen:

  • Spannungsfreiheit: Minimales Risiko für Schraubenlockerungen, Abutment-Disfit oder Ermüdungsbrüche der Suprastruktur.
  • Effizienter Workflow: Reduzierter Bedarf an aufwendigen Zwischenschritten wie analogen Kontrollschablonen oder gefrästen Kunststoff-Prototypen zur Passungskontrolle.
  • Geringere Abhängigkeit von der Implantattiefe: Sichere geometrische Erfassung auch bei tief subgingival inserierten Implantaten.

Zwei Technologien, ein Workflow

Photogrammetrie ersetzt nicht den klassischen Intraoralscanner, sondern ergänzt die Möglichkeiten. Für Zähne, Weichgewebe, Gegenkiefer und Bissregistrierung bleibt der IOS das richtige Werkzeug. Für die räumliche Erfassung mehrerer Implantatpositionen bei weitspannigen Versorgungen übernimmt die Photogrammetrie. In der CAD-Software werden beide Datensätze fusioniert: Das Koordinaten-Skelett der Photogrammetrie wird mit dem Weichgewebescan des IOS überlagert. Ergebnis ist ein digitales Gesamtbild, das weder die Messtechnologie des einen noch die des anderen Verfahrens allein liefern könnte. 

OrangeCAD: Vom Messkörper zur Titanbasis – Präzision als Konstante

OrangeCAD fertigt auch Photogrammetrie-Scanbodys für einen etablierten Anbieter dentaler Photogrammetrie-Systeme. Die Fertigung von Photogrammetrie-Scanbodys stellt besondere Anforderungen an Präzision, Prozessstabilität und Qualitätssicherung. Diese Standards fließen bei OrangeCAD auch in die Herstellung von Titanbasen und Pre-Mill-Abutments ein.

Literatur

Gómez-Polo M. et al. (2023): Influence of arch location and scanning pattern on the scanning accuracy, scanning time, and number of photograms of complete-arch intraoral digital implant scans. Clinical Oral Implants Research, Vol. 34(11), 1214–1226.

Fu X. et al. (2025): Intraoral Photogrammetry: The Next Step in Full-Arch Implant Precision. Dentistry Today, Vol. 44(3), 64–69.

Negreiros W. M. et al. (2025): Photogrammetry in Implant Dentistry. Australian Dental Journal, Vol. 70(Suppl 1), S15–S24.

Eldabe A. K. et al. (2025): Accuracy of intraoral photogrammetry in complete arch digital implant scanning: An in vivo prospective comparative study. The Journal of Prosthetic Dentistry, Vol. 134(4), 782–789.


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